Einzelschicksale & Biografien
Hinter den nüchternen Verlustlisten und Aktenzahlen stehen individuelle Lebenswege. In unregelmäßigen Abständen stellt diese Seite jeweils ein Einzelschicksal aus den verschiedenen Opfergruppen aus Flörsheim am Main, Wicker und Weilbach anhand erhaltener Primärquellen, Feldpostbriefe und Archivdokumente vertiefend vor.
Margareta Schick
* 5. Juni 1908 in Flörsheim am Main — † 21. Februar 1941 in der Tötungsanstalt Hadamar
Stammdaten zur Person
| Geburtsort: | Flörsheim am Main |
| Wohnsitz: | Brunnengasse (Elternhaus), Flörsheim am Main |
| Eltern: | Valentin Schick († 1932) und Elisabeth Schick, geb. Stroh |
| Geschwister: | Anna Maria (* 1906, ermordet 1941) und Josef Valentin (* 1909) |
| Beruf: | Fabrikarbeiterin (Opelwerke Rüsselsheim, Karosseriebau) |
| Einweisung Anstalt: | 26. November 1933 in die Landes-Heil- und Pflegeanstalt Eichberg (in Akten als Margarete geführt) |
| Deportation & Tod: | 21. Februar 1941 nach Hadamar verlegt und noch am selben Tag ermordet |
| Gedenkort: | Stolperstein vor dem Elternhaus in der Brunnengasse, Flörsheim am Main |
1. Herkunft, Familie & Arbeitsleben in Flörsheim
Margareta Schick wurde am 5. Juni 1908 in Flörsheim am Main als zweites Kind von Valentin Schick und Elisabeth geborene Stroh geboren. Zusammen mit ihrer älteren Schwester Anna Maria und ihrem jüngeren Bruder Josef Valentin wuchs sie im elterlichen Haus in der Flörsheimer Brunnengasse auf. Die Familie lebte in einfachen wirtschaftlichen Verhältnissen; nach dem frühen Tod des Vaters im Jahr 1932 musste die Mutter als Witwe allein für den Haushalt aufkommen. Margareta galt als gute Schülerin von stiller und verschlossener Natur. Nach ihrer Schulzeit trat sie eine Arbeitsstelle in den nahegelegenen Opelwerken in Rüsselsheim an, wo sie in der Abteilung Karosseriebau als Fabrikarbeiterin tätig war.
2. Psychische Krise, Stigmatisierung & Einweisung auf den Eichberg
Nachdem ein Liebesverhältnis von ihrem damaligen Verlobten gelöst worden war, veränderte sich Margareta Schicks seelischer Zustand zusehends. Sie geriet in schwere Depressionen und Verzweiflung, drohte sich das Leben zu nehmen und suchte nach Messern. Nach den damaligen rigiden Maßstäben wurde sie als gemeingefährlich eingestuft. Nachdem bereits im Juli 1933 ihre Schwester Anna Maria wegen seelischer Leiden in die Landes-Heil- und Pflegeanstalt Eichberg bei Kiedrich eingewiesen worden war, folgte am 26. November 1933 auch die Einlieferung der 25-jährigen Margareta Schick (in den zeitgenössischen Klinikunterlagen meist Margarete genannt). Auf dem Eichberg geriet sie in die bürokratischen Räder der rassenhygienischen Erfassung: Ärztliche Epikrisen und Meldebögen durchleuchteten die Familie penibel auf vermeintliche erbliche Belastungen, diagnostizierten Schizophrenie und verzeichneten ihre zunehmende Apathie und Arbeitsunfähigkeit – Kriterien, die den NS-Behörden zur rücksichtslosen Selektion dienten.
„Gemütsart der Kranken war still, verschlossen, widerspenstig. In der Schule war sie eine gute Schülerin. Vor zwei Jahren habe die Schick ein Verhältnis gehabt, das von ihrem Verlobten gelöst wurde. Seit dieser Zeit gibt die Mutter an, sei die Kranke seelisch verändert gewesen. […] Sie blieb ununterbrochen in Flörsheim und war nach ihrer Schulzeit als Arbeiterin bei den Opelwerken, in der Abt. Karosseriebau beschäftigt.“
— Auszug aus den ärztlichen Berichten und dem psychiatrischen Befundbogen, Heil- und Pflegeanstalt Eichberg
3. Die Ermordung in Hadamar & zynische Vertuschung
Im Rahmen der zentral gesteuerten nationalsozialistischen Krankenmorde (Aktion T4) wurden Margareta Schick und ihre Schwester Anna Maria am 21. Februar 1941 von der Anstalt Eichberg in die Tötungsanstalt Hadamar deportiert und dort noch am selben Tag ermordet. Um das Verbrechen und die systematische Tötung zu verschleiern, sandten die NS-Behörden der ahnungslosen Mutter im März 1941 gefälschte Trostbriefe und Sterbeurkunden aus der Anstalt Pirna-Sonnenstein in Sachsen zu. Darin wurde wahrheitswidrig behauptet, die Töchter seien Mitte März an plötzlichen Krankheiten verstorben. Erst die Nachkriegsrecherchen und erhaltenen Akten in Hadamar sowie im Archiv des Landeswohlfahrtsverbandes Hessen legten das tatsächliche Schicksal offen. Ein Stolperstein in der Brunnengasse erinnert heute an Margareta Schick und mahnt an die Verbrechen der Euthanasie.
Archiv früherer Biografien
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Gefallener Soldat • Zweiter Weltkrieg
Heinrich Jakob Möll
* 7. Mai 1913 in Monsheim — † 10. August 1942 bei Krivzy (Russland)
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Heinrich Jakob Möll
* 7. Mai 1913 in Monsheim — † 10. August 1942 bei Krivzy (Russland)
Biografie & Dokumente einsehen ▼| Geburtsort: | Monsheim (Rheinhessen) |
| Familienstand: | Verheiratet mit Margot Möll |
| Dienstgrad: | Obergefreiter |
| Truppenteil: | 7. Kompanie / Infanterie-Regiment 699 (342. Infanterie-Division) |
| Feldpostnummer: | 30678 D |
| Todesdatum: | 10. August 1942 (VDK-Angabe 1943 archivalisch unkorrekt) |
| Todesort: | Krivzy (Raum Rshew / Sytschewka, Russland) |
| Grablage: | Bislang nicht geborgen / keine individuelle Grablage registriert |
1. Herkunft & familiäres Umfeld vor Ort
Heinrich Jakob Möll – im Familienkreis stets „Heiner“ genannt – wurde am 7. Mai 1913 in Monsheim geboren. Er war verheiratet mit Margot Möll. Aus den überlieferten Melde- und Personenunterlagen geht eine enge Verbindung zwischen Flörsheim am Main und den rheinhessischen Wurzeln in Monsheim hervor. Ein erhaltener, persönlicher Feldpostbrief an seinen Bruder gibt eindringlich Zeugnis über die familiäre Verbundenheit, die steten Sorgen um Urlaub und das Bemühen, das Alltagsleben trotz des Kriegsdienstes aufrechtzuerhalten.
2. Die Kriegsjahre & das dokumentierte Schicksal
Nach Einsätzen in Frankreich im Sommer 1940 gehörte Möll ab November 1940 der 7. Kompanie des neu aufgestellten Infanterie-Regiments 699 der 342. Infanterie-Division an. Nach Besatzungsdiensten im Westen und Sicherungseinsätzen auf dem Balkan (Jugoslawien) verlegte seine Division im Frühjahr 1942 an die Ostfront in den Brennpunkt der Heeresgruppe Mitte bei Rshew. Während der schweren Abwehrschlachten im Raum Rshew/Sytschewka fiel der Obergefreite Heinrich Jakob Möll am 10. August 1942 bei Krivzy.
„Es ist auch die allerhöchste Zeit, dass man nach 7 Monaten endlich mal wieder zu seiner Frau bzw. zu unseren Angehörigen kommt. Margot wird bald verrückt, man weiß auch bald nicht mehr, was man schreiben soll. […] Was würde ich mich freuen, wenn ich zu Hause so unverhofft die Türe öffnen könnte. Aber die Zeit kommt auch bald, wo wir alle wieder in unserer Heimat sind. […] Hoffen wir alle das Beste.“
— Auszug aus dem Feldpostbrief an seinen Bruder, Frankreich, 30. Juli 1940
3. Gedenken & Nachwirkung
Heinrich Jakob Möll konnte nach den Kampfhandlungen im Raum Rshew im Rahmen von Umbettungsarbeiten bisher nicht geborgen werden; eine registrierte Grablage existiert nicht. Sein Name und seine Lebensdaten sind im Gedenkbuch des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge sowie in den Verzeichnissen der Flörsheimer Kriegschronik zur dauerhaften Erinnerung bewahrt.
Verfolgter & Opfer der Shoah • Flörsheim am Main
Dr. Max Schohl
* 15. November 1884 in Pirmasens — † 1. Dezember 1943 im KZ Auschwitz
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Dr. Max Schohl
* 15. November 1884 in Pirmasens — † 1. Dezember 1943 im KZ Auschwitz
Biografie & Dokumente einsehen ▼| Beruf & Wirken: | Promovierter Naturwissenschaftler / Analysechemiker, Inhaber der Chemischen Fabrik Nassovia / Electro, Vorsteher der jüdischen Gemeinde Flörsheim |
| Militärischer Rang: | Hauptmann der Reserve a.D. (17. Kgl. Bayer. Infanterie-Regiment, Rekruteneintritt 1907, Leutnant der Reserve 1911) |
| Kriegsauszeichnungen: | Eisernes Kreuz I. und II. Klasse, Bayerischer Militärverdienstorden mit Schwertern (B.M.V.O.), Verwundetenabzeichen (zweimal schwer verwundet) |
| Wohnsitz Flörsheim: | Albanusstraße 2 (dreigeschossiges Wohnhaus gegenüber dem Werksgelände im Neuwingertsweg) |
| Familie: | Verheiratet mit Frieda Luise („Liesel“) Gims; zwei Töchter: Hela (* 1920) und Käthe (* 1923); zwei Brüder (Oskar und Arthur) fielen im Ersten Weltkrieg |
| Verfolgung & Haft: | Wirtschaftsboykott, Zwangskonkurs 1935; Schutzhaft im KZ Buchenwald nach Pogromnacht 1938; wöchentliche Gestapo-Meldepflicht; Gestapo-Haft in Jugoslawien |
| Deportation & Tod: | August 1943 ins KZ Auschwitz deportiert; dort am 01.12.1943 ermordet (offizieller Totenschein verschleiernd auf „Herzmuskelschwäche“ ausgestellt) |
| Gedenkort: | Stolperstein vor dem Wohnhaus Albanusstraße 2 in Flörsheim am Main; Benennung der Dr.-Max-Schohl-Straße |
1. Unternehmer, Frontoffizier & Wohltäter der Stadt
Dr. Max Schohl wurde am 15. November 1884 in Pirmasens als Sohn des Ledergroßhändlers Julius Schohl geboren. 1907 promovierte er in Naturwissenschaften und trat im selben Jahr als Einjährig-Freiwilliger in die bayerische Armee ein. 1911 ernannte ihn König Otto von Bayern zum Leutnant der Reserve. Bei Kriegsausbruch 1914 meldete er sich sofort freiwillig und zog mit dem 17. Bayerischen Infanterie-Regiment an die Front. Er stieg bis zum Hauptmann auf, führte seine Kompanie durch das Trommelfeuer der Somme-Schlacht und wurde bei den Kämpfen in Flandern sowie an der Spitze seiner stürmenden Einheit zweimal schwer verwundet. Für seine Tapferkeit erhielt er das Eiserne Kreuz I. und II. Klasse, den Bayerischen Militärverdienstorden mit Schwertern und das Verwundetenabzeichen. Seine beiden einzigen Brüder, Oskar und Arthur, kehrten aus dem Ersten Weltkrieg nicht zurück.
1919 übernahm Dr. Schohl die Chemische Fabrik in Flörsheim am Main (später Firma Electro), heiratete Frieda Luise („Liesel“) Gims und bezog das Anwesen Albanusstraße 2. Mit über 150 Beschäftigten zählte sein Betrieb zu den wichtigsten Arbeitgebern der Stadt. In den schweren Krisenjahren zahlte er Löhne in stabiler Devisenwährung aus, um seine Arbeiter vor der Inflation zu schützen. Als Vorsteher der jüdischen Gemeinde engagierte er sich herausragend sozial: Er eröffnete 1929 eine Volksküche für Bedürftige in der Kirchschule, finanzierte Schulspeisungen und verteilte Brennstoff, Kleidung und Lebensmittel an arme Flörsheimer Familien.
2. Entrechtung, Pogrom und der Protest an den Kyffhäuserbund
Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten setzte die gezielte Vernichtung seiner Existenz ein. Unter dem Flörsheimer NSDAP-Bürgermeister Dr. Ludwig Stamm – dem 1919 entlassenen Vorgänger Schohls – wurden die Wohlfahrtseinrichtungen geschlossen und die Fabrik als „nicht-arisch“ boykottiert. Im Juni 1935 folgte der Konkurs, 1937 wurden die Werksanlagen gesprengt. Am 6. November 1933 richtete Dr. Max Schohl aus der Albanusstraße 2 einen flammenden, zweiseitigen Protestbrief an den Bundesführer des Kyffhäuserbundes, General der Artillerie a.D. v. Horn in Berlin. Nachdem er als „Nichtarier“ aus dem Krieger- und Militärverein Flörsheim/Main ausgeschlossen worden war, lehnte er es mit Verweis auf seine Ehre als alter deutscher Frontoffizier ab, jemals als geduldetes Mitglied zweiter Klasse geführt zu werden, und beklagte mit bitteren Worten den Zusammenbruch der an der Front mit Blut besiegelten Kameradschaft.
In der Pogromnacht am 10. November 1938 stürmte ein Schlägertrupp das Wohnhaus der Familie und verwüstete die Einrichtung. Dr. Schohl wurde verhaftet und für vier Wochen in das KZ Buchenwald verschleppt. Nach seiner Entlassung stand er unter wöchentlicher Gestapo-Meldepflicht. Alle Versuche, Visa für die USA, Großbritannien oder Chile zu erhalten, scheiterten an restriktiven bürokratischen Quoten. Am 31. März 1940 meldete sich die Familie polizeilich nach Brasilien ab und floh nach Jugoslawien. Seine pflegebedürftige Mutter Johanna musste in Frankfurt zurückbleiben; sie wurde 1942 nach Theresienstadt deportiert und kam dort um.
„Als in der mörderischen Somme-Schlacht tagelang das Trommelfeuer auf meine Kompanie herunterfegte, da hat wohl keiner der mir unterstellten Mannschaften, Unteroffiziere und Offiziere danach gefragt, ob ich Arier oder Nichtarier bin: alle sahen in kameradschaftlichem Vertrauen auf den Kompanieführer. Und dieses alles sollte heute nicht gewesen sein? Heute soll diese Kameradschaft, bewährt in Blut und Leid, in Not und Gefahr, in Nichts vergangen sein? […] Ich wende mich heute vielmehr an Ew. Exzellenz als alter deutscher Offizier und Kamerad, weil meine Auffassung von dem Begriff der deutschen Kameradschaft ins Wanken geraten ist.“
— Hauptmann d.R. a.D. Dr. Max Schohl, Flörsheim/Main, Albanusstraße 2, an den Führer des Kyffhäuserbundes, 6. November 1933
3. Verhaftung in Jugoslawien, Ermordung in Auschwitz & Nachwirkung
Mit dem deutschen Einmarsch in Jugoslawien 1941 war auch der Fluchtweg auf dem Balkan abgeschnitten. Zunächst stand die Familie unter dem persönlichen Schutz eines Wehrmachtsoffiziers, doch nach mehrfachen Festnahmen verhaftete die Gestapo Dr. Max Schohl im August 1943 endgültig. Er wurde in das Vernichtungslager Auschwitz deportiert und dort am 1. Dezember 1943 ermordet. Der Totenschein gab wahrheitswidrig „Herzmuskelschwäche“ als Ursache an. Ehefrau Liesel sowie die Töchter Hela und Käthe wurden im August 1944 von der Gestapo nach Deutschland zurückverschleppt und überlebten unter Zwangsarbeit in Wiesbaden. Liesel Schohl verstarb 1975, Tochter Hela im Jahr 2000; beide ruhen auf dem jüdischen Friedhof in Flörsheim. Tochter Käthe wanderte in die USA aus und verstarb 2014 in West Virginia. Vor dem ehemaligen Wohnhaus in der Albanusstraße 2 erinnert ein Stolperstein an Dr. Max Schohl; auf dem früheren Werksgelände trägt die Dr.-Max-Schohl-Straße dauerhaft seinen Namen.
Zur ehrenden Erinnerung und Mahnung an die Opfer der Kriege und Gewaltherrschaft aus Flörsheim am Main, Wicker und Weilbach.