Einzelschicksale & Biografien
Hinter den nüchternen Verlustlisten und Aktenzahlen stehen individuelle Lebenswege. In unregelmäßigen Abständen stellt diese Seite jeweils ein Einzelschicksal aus den verschiedenen Opfergruppen aus Flörsheim am Main, Wicker und Weilbach anhand erhaltener Primärquellen, Feldpostbriefe und Archivdokumente vertiefend vor.
Maxim Kiriljuk
* 11. August 1913 in Hubnyk (Ukraine) — † 26. März 1945 in Bad Weilbach
Gemeinschaftslager für ausländische Arbeitskräfte in Bad Weilbach, in dem Maxim Kiriljuk interniert war.
Stammdaten zur Person
| Geburtsort: | Hubnyk (Region Winnyzja, Ukraine) |
| Status: | Verschleppter Zwangsarbeiter (in NS-Akten als „russischer Ostarbeiter“ deklariert) |
| Lagerunterbringung: | Zunächst Lager Mainzer Straße (Opelwerke Rüsselsheim), ab Mai 1943 Gemeinschaftslager Bad Weilbach |
| Zwangsarbeit für: | Eisenbearbeitungsbetrieb J. Saar o.H., Flörsheimer Landwirte und Kleinbetriebe, Einsatz als Flakhelfer |
| Namensschreibweisen: | Maksim Kirilijuk, Maxim Kiriluk |
| Todesdatum: | 26. März 1945 (im Alter von 31 Jahren) |
| Todesort: | Bad Weilbach |
| Todesursache: | Durch amerikanischen Artilleriebeschuss getötet (Schutzräume für Zwangsarbeiter untersagt) |
1. Verschleppung und die Topografie der Ausbeutung
Maxim Kiriljuk wurde am 11. August 1913 in Hubnyk in der Ukraine geboren. Anfang 1943, als die deutsche Rüstungsindustrie eklatanten Mangel an Menschenmaterial aufwies, wurde er gewaltsam in das Deutsche Reich verschleppt. Sein Leidensweg führte ihn als sogenannten „Ostarbeiter“ zunächst in das Lager Mainzer Straße der Opelwerke in Rüsselsheim. Im Mai 1943 wurde er in das Gemeinschaftslager nach Bad Weilbach überführt. Er war einer von über 1.400 Zwangsarbeitern und Kriegsgefangenen, die auf mindestens neun zentrale Lager im gesamten Stadtgebiet von Flörsheim und Weilbach verteilt waren. Diese Ausbeutung fand keineswegs versteckt statt, sondern bildete das ökonomische Rückgrat der Region. Die Gefangenen wurden in requirierten zivilen Einrichtungen wie der Jahnturnhalle, den Gastwirtschaften „Zum Mainblick“ und „Zum Taunus“ oder dem „Kartäuser Hof“ zusammengepfercht. Maxim Kiriljuk schuftete für den Rüsselsheimer Zulieferbetrieb Saar, wurde an lokale Bauern verliehen und zuletzt sogar als Flakhelfer eingesetzt. Seine Arbeit fand mitten in der bürgerlichen Gesellschaft und auf den Straßen Flörsheims statt – begleitet vom alltäglichen Klappern hölzerner Schuhe auf dem Kopfsteinpflaster.
2. Der zynische Alltag und die bürgerliche Kälte
Die Verwaltung dieses Unrechts oblag dem Flörsheimer Rathaus unter NSDAP-Bürgermeister Dr. Ludwig Stamm, wo die Zuteilung der Menschen mit bürokratischer Präzision organisiert wurde. Die einheimische Bevölkerung arrangierte sich vielfach mit der Anwesenheit der Sklavenarbeiter oder profitierte direkt davon, während Empathie in der rassistisch indoktrinierten Volksgemeinschaft keinen Platz hatte. Wie tief die moralische Abstumpfung reichte, dokumentiert eindrucksvoll ein erhaltenes Beschwerdeschreiben eines Flörsheimer Bürgers vom Juli 1943. Als Anwohner des „Kartäuser Hofs“, in dem rund 50 ukrainische Zwangsarbeiter der Firma Saar unter katastrophalen hygienischen Bedingungen lebten, klagte der Verfasser nicht über deren Leid, sondern über die Belästigung durch den „Fünfzigmanngestank“ in seinem Schlafzimmer und den Lärm der Latrinentür, die er als „Kanonenschlagtür“ bezeichnete. Die Gefangenen wurden in der Wahrnehmung der Bürgerschaft zu einem bloßen olfaktorischen und akustischen Ärgernis herabgestuft.
„Am leichtesten ist wohl die Kanonenschlagtür, die durch Mark und Bein geht, zu den Sitten einer anständigen Aborttür zu bekehren. Sodann muss ein Ventilator eingebaut werden, damit der Fünfzigmanngestank nach dem Himmel abzieht und nicht in die Schlafstuben der Nachbarschaft. […] Es ist gelinde gesagt, Schweinerei. Wenn nur die Fenster geschlossen bleiben könnten und die Kanonenschlagtür gebändigt würde, dann wollte man sich schon mit seiner Beschwerde bescheiden. Heil Hitler.“
— Auszug aus dem Beschwerdebrief eines Anwohners an das Gesundheitsamt, 4. Juli 1943
3. Ein tragisches Ende und die Vernichtung der Erinnerung
Das Ende von Maxim Kiriljuk offenbarte die ganze Konsequenz der NS-Rassenideologie. Während der vorrückenden Frontlinien im März 1945 war den „Ostarbeitern“ der Zutritt zu den Luftschutzbunkern der einheimischen Zivilbevölkerung oft strengstens verboten. Am 26. März 1945 – nur wenige Tage bevor amerikanische Truppen Flörsheim befreiten und das NS-Regime zusammenbrach – wurde der schutzlose Kiriljuk im Alter von 31 Jahren durch amerikanischen Artilleriebeschuss in Bad Weilbach getötet. Er wurde nahe dem Lagergelände in fremder Erde verscharrt. In der Nachkriegszeit folgte die Phase der administrativen Verdrängung: Gräber von Zwangsarbeitern und deren in den Lagern verstorbenen Kleinkindern wurden im Zuge bürokratischer Neudefinitionen und „Friedhofsbereinigungen“ oft physisch abgeräumt oder getilgt. Erst Jahrzehnte später wurde mit der Verlegung einer Stolperschwelle das Schweigen über die Zwangsarbeit im öffentlichen Raum gebrochen. Das Schicksal von Maxim Kiriljuk und das seiner namenlosen Mitgefangenen steht heute als Mahnung für das allgegenwärtige Unrecht inmitten der Flörsheimer Nachbarschaft.
Zugehörige Primärquellen & Dokumente
- Arolsen Archives – International Center on Nazi Persecution (ITS Bad Arolsen)
- Ancestry (Digitalisierte Sterberegister, Personenstands- und Transportunterlagen)
- Standesamt Weilbach (Sterbeurkunde Nr. 4/1946) & Standesamt Flörsheim am Main
- Archiv Memorial Russland
- The National Collection of Aerial Photography (NCAP), Schottland / UK (Historische Luftbilder)
- Krause-Schmitt: Heimatgeschichtlicher Wegweiser zu Stätten des Widerstandes und der Verfolgung 1933–1945 (Studienkreis Deutscher Widerstand)
- Gesundheitsamt im Landratsamt des Main-Taunus-Kreises: Historische Beschwerdeakte vom 04.07.1943 (zitiert nach Peter Becker: Anmerkungen zu Mirjam)
- Stadtarchiv Flörsheim am Main (Lagerübersichten & Verwaltungsakten)
- Historische Bildersammlung Paul Flesch (heutiger Besitz: Michael Petry, Flörsheim am Main) & Dokumentenarchiv Flörsheimer Kriegschronik (Heinz Peter Vogel)
Archiv früherer Biografien
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Alliierter Flieger / Opfer des Luftkrieges
Louis John Gricco
* 2. Dezember 1917 in New York — † 12. Mai 1944 in Flörsheim-Wicker
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Louis John Gricco
* 2. Dezember 1917 in New York — † 12. Mai 1944 in Flörsheim-Wicker
Biografie & Dokumente einsehen ▼| Geburtsort: | New York, USA |
| Dienstgrad: | Second Lieutenant (O-688526) |
| Einheit: | 8th AAF, 452th Bombardment Group, 729th Bombardment Squadron |
| Flugzeug: | Boeing B17-G40 „You’ve Had It“ (Seriennummer: 42-97143) |
| Aufgabe an Bord: | Bombenschütze (Bombardier) |
| Familie: | Hinterließ seine Ehefrau Wilma J. Gricco |
| Todesdatum: | 12. Mai 1944 |
| Todesort: | Flörsheim-Wicker (Absturz) |
| Endgrablage: | Long Island National Cemetery, New York (Block C, Grab 535) |
1. Ausbildung & Militärischer Werdegang
Louis John Gricco wurde am 2. Dezember 1917 in New York geboren. Nach seinem Abschluss an der Sewanhaka High School lebte er in der Tulip Avenue 211 in Franklin Square, Long Island. Bereits um das Jahr 1939 trat er in den Militärdienst ein. Im Sommer 1943 absolvierte er erfolgreich die hochspezialisierte Schule für Bombenschützen am San Angelo Army Air Field in Texas, wo er seine Fliegerabzeichen („Flügel“) erwarb. Anfang Januar 1944 wurde Gricco nach England verlegt, um seinen Dienst im 729th Bombardment Squadron der 452nd Bombardment Group an Bord des viermotorigen Bombers „You’ve Had It“ anzutreten. In den darauffolgenden Monaten zeichnete er sich mehrfach im Einsatz aus: Die Eighth Air Force bestätigte ihm hochoffiziell den Abschuss eines feindlichen Focke-Wulf Fw 190 Jägers während eines massiven Abfangangriffs, was in seiner Heimatpresse unter der Schlagzeile „Hat einen Nazi erwischt“ gewürdigt wurde.
2. Der fatale Absturz am 12. Mai 1944
Am 12. Mai 1944 fand dieser fliegerische Erfolg im Luftraum über dem Rhein-Main-Gebiet ein jähes und tragisches Ende. Die amerikanische Bomberformation befand sich auf dem Weg zu den Hydrierwerken in Brüx, als sie Ziel massiver Frontalangriffe der deutschen Luftwaffe wurde. Nach schweren Jäger- und Flaktreffern sowie der tödlichen Kollision mit Trümmerteilen einer benachbarten Maschine geriet die „You’ve Had It“ in Brand und verlor rapide an Höhe. In der Kanzel im Bug des sterbenden Bombers erlitt Gricco angesichts des unvermeidlichen Endes lähmende Todesangst. Den später vom überlebenden Piloten Otis L. Stogsdill ausgefüllten Verlustberichten zufolge war Gricco unfähig, selbstständig aus der vorderen Luke zu springen. Erst nachdem der Pilot und der Navigator William H. O’Brien ihn mit physischer Gewalt hinausstießen, verließ er das unkontrollierbare Flugzeug in extrem geringer Höhe von kaum mehr als 300 Metern. Ob sich sein Fallschirm noch vollständig öffnen konnte oder er ins brennende Wrackgebiet geriet, blieb ungeklärt; Second Lieutenant Louis John Gricco kam ums Leben. Die B-17 schlug schließlich in der Gemarkung Flörsheim-Wicker auf freiem Feld auf. Für seine in den USA zurückgebliebene Ehefrau Wilma J. Gricco begann eine monatelange Zeit der quälenden Ungewissheit, bis das Kriegsministerium ihn offiziell für tot erklärte.
„Seit dem 12. Mai 1944 bei einem Kriegseinsatz in der Luft über Europa vermisst, wurde Leutnant Louis Gricco aus Franklin Square, ein Absolvent der Sewanhaka High School, heute vom Kriegsministerium für tot erklärt. […] Er war seit vier Monaten in Übersee, als er im Einsatz getötet wurde.“
— Zeitungsbericht aus der Heimatpresse (Auszug), Long Island, New York
3. Bergung, Bestattung & würdevolle Überführung
Die sterblichen Überreste der Besatzung erfuhren am Absturzort eine zutiefst würdelose Behandlung. Zivile Kräfte der Gemeinde Flörsheim bargen die teils schwer verbrannten Körper vom Absturzfeld und bestatteten sie bei Dämmerung hastig in zusammegezimmerten Kisten sowie einem Zinksarg in einem Massengrab am Rande des örtlichen Friedhofs. Nach Kriegsende, mit dem Einzug der amerikanischen Truppen, dokumentierte das American Graves Registration Command (AGRC) diese hastige und von den damaligen Bestattern achtlos durchgeführte Verscharrung. Die Gebeine Griccos und seiner Kameraden wurden exhumiert und zunächst auf den amerikanischen Sammelfriedhof Ardennes American Cemetery in Belgien überführt. Im Rahmen des offiziellen Repatriierungsprogramms kehrte Second Lieutenant Louis John Gricco 1951 endgültig in seine Heimat zurück: Am 23. Mai 1951 fand er auf dem Long Island National Cemetery in New York seine letzte Ruhestätte (Grab 535). Seine Witwe Wilma ließ sich das direkt angrenzende Grab 535A bis zu ihrem eigenen Ableben exklusiv reservieren.
Erhaltene Primärquellen & Dokumente
- National Archives and Records Administration (NARA, Washington D.C.) – Missing Air Crew Report MACR 4776 & NND 735001
- National Archives and Records Administration (NARA) – Captured German Records (Erbeutete deutsche Luftwaffenakten / Abschuss- & Bergungsbericht KU 1860)
- Ancestry (Digitalisierte US-Militärregister, Enlistment Records, US-Federal Census Long Island/New York)
- Hessisches Hauptstaatsarchiv Wiesbaden (HHStAW) – Spruchkammerakte Dr. Ludwig Stamm (Abt. 42 10/42)
- Kriegstagebuch der Flak-Abteilung 637 (Flörsheim am Main)
- American Graves Registration Command (AGRC) – Exhumierungs- und Repatriierungsberichte 1945–1951
- Historische US-Lokalpresse (Long Island, New York 1944)
Opfer der NS-„Euthanasie“ (Aktion T4)
Margareta Schick
* 5. Juni 1908 in Flörsheim am Main — † 21. Februar 1941 in der Tötungsanstalt Hadamar
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Margareta Schick
* 5. Juni 1908 in Flörsheim am Main — † 21. Februar 1941 in der Tötungsanstalt Hadamar
Biografie & Dokumente einsehen ▼| Geburtsort: | Flörsheim am Main |
| Wohnsitz: | Brunnengasse (Elternhaus), Flörsheim am Main |
| Eltern: | Valentin Schick († 1932) und Elisabeth Schick, geb. Stroh |
| Geschwister: | Anna Maria (* 1906, ermordet 1941) und Josef Valentin (* 1909) |
| Beruf: | Fabrikarbeiterin (Opelwerke Rüsselsheim, Karosseriebau) |
| Einweisung Anstalt: | 26. November 1933 in die Landes-Heil- und Pflegeanstalt Eichberg (in Akten als Margarete geführt) |
| Deportation & Tod: | 21. Februar 1941 nach Hadamar verlegt und noch am selben Tag ermordet |
| Gedenkort: | Stolperstein vor dem Elternhaus in der Brunnengasse, Flörsheim am Main |
1. Herkunft, Familie & Arbeitsleben in Flörsheim
Margareta Schick wurde am 5. Juni 1908 in Flörsheim am Main als zweites Kind von Valentin Schick und Elisabeth geborene Stroh geboren. Zusammen mit ihrer älteren Schwester Anna Maria und ihrem jüngeren Bruder Josef Valentin wuchs sie im elterlichen Haus in der Flörsheimer Brunnengasse auf. Die Familie lebte in einfachen wirtschaftlichen Verhältnissen; nach dem frühen Tod des Vaters im Jahr 1932 musste die Mutter als Witwe allein für den Haushalt aufkommen. Margareta galt als gute Schülerin von stiller und verschlossener Natur. Nach ihrer Schulzeit trat sie eine Arbeitsstelle in den nahegelegenen Opelwerken in Rüsselsheim an, wo sie in der Abteilung Karosseriebau als Fabrikarbeiterin tätig war.
2. Psychische Krise, Stigmatisierung & Einweisung auf den Eichberg
Nachdem ein Liebesverhältnis von ihrem damaligen Verlobten gelöst worden war, veränderte sich Margareta Schicks seelischer Zustand zusehends. Sie geriet in schwere Depressionen und Verzweiflung, drohte sich das Leben zu nehmen und suchte nach Messern. Nach den damaligen rigiden Maßstäben wurde sie als gemeingefährlich eingestuft. Nachdem bereits im Juli 1933 ihre Schwester Anna Maria wegen seelischer Leiden in die Landes-Heil- und Pflegeanstalt Eichberg bei Kiedrich eingewiesen worden war, folgte am 26. November 1933 auch die Einlieferung der 25-jährigen Margareta Schick (in den zeitgenössischen Klinikunterlagen meist Margarete genannt). Auf dem Eichberg geriet sie in die bürokratischen Räder der rassenhygienischen Erfassung: Ärztliche Epikrisen und Meldebögen durchleuchteten die Familie penibel auf vermeintliche erbliche Belastungen, diagnostizierten Schizophrenie und verzeichneten ihre zunehmende Apathie und Arbeitsunfähigkeit – Kriterien, die den NS-Behörden zur rücksichtslosen Selektion dienten.
„Gemütsart der Kranken war still, verschlossen, widerspenstig. In der Schule war sie eine gute Schülerin. Vor zwei Jahren habe die Schick ein Verhältnis gehabt, das von ihrem Verlobten gelöst wurde. Seit dieser Zeit gibt die Mutter an, sei die Kranke seelisch verändert gewesen. […] Sie blieb ununterbrochen in Flörsheim und war nach ihrer Schulzeit als Arbeiterin bei den Opelwerken, in der Abt. Karosseriebau beschäftigt.“
— Auszug aus den ärztlichen Berichten und dem psychiatrischen Befundbogen, Heil- und Pflegeanstalt Eichberg
3. Die Ermordung in Hadamar & zynische Vertuschung
Im Rahmen der zentral gesteuerten nationalsozialistischen Krankenmorde (Aktion T4) wurden Margareta Schick und ihre Schwester Anna Maria am 21. Februar 1941 von der Anstalt Eichberg in die Tötungsanstalt Hadamar deportiert und dort noch am selben Tag ermordet. Um das Verbrechen und die systematische Tötung zu verschleiern, sandten die NS-Behörden der ahnungslosen Mutter im März 1941 gefälschte Trostbriefe und Sterbeurkunden aus der Anstalt Pirna-Sonnenstein in Sachsen zu. Darin wurde wahrheitswidrig behauptet, die Töchter seien Mitte März an plötzlichen Krankheiten verstorben. Erst die Nachkriegsrecherchen und erhaltenen Akten in Hadamar sowie im Archiv des Landeswohlfahrtsverbandes Hessen legten das tatsächliche Schicksal offen. Ein Stolperstein in der Brunnengasse erinnert heute an Margareta Schick und mahnt an die Verbrechen der Euthanasie.
- Archiv des Landeswohlfahrtsverbandes Hessen (LWV Hessen, Kassel) – Historische Krankenakte Eichberg
- Hessisches Staatsarchiv Marburg (HStAM) – Bestand 914
- Ancestry (Digitalisierte Geburts-, Heirats- und Sterberegister Flörsheim am Main)
- Gedenkstätte Hadamar (Dokumentation zur NS-„Euthanasie“ / Aktion T4)
- Standesamt Flörsheim am Main (Personenstandsregister)
- Initiative Stolpersteine Flörsheim am Main (Recherchen & Verlegung Brunnengasse)
Gefallener Soldat • Zweiter Weltkrieg
Heinrich Jakob Möll
* 7. Mai 1913 in Monsheim — † 10. August 1942 bei Krivzy (Russland)
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Heinrich Jakob Möll
* 7. Mai 1913 in Monsheim — † 10. August 1942 bei Krivzy (Russland)
Biografie & Dokumente einsehen ▼| Geburtsort: | Monsheim (Rheinhessen) |
| Familienstand: | Verheiratet mit Margot Möll |
| Dienstgrad: | Obergefreiter |
| Truppenteil: | 7. Kompanie / Infanterie-Regiment 699 (342. Infanterie-Division) |
| Feldpostnummer: | 30678 D |
| Todesdatum: | 10. August 1942 (VDK-Angabe 1943 archivalisch unkorrekt) |
| Todesort: | Krivzy (Raum Rshew / Sytschewka, Russland) |
| Grablage: | Bislang nicht geborgen / keine individuelle Grablage registriert |
1. Herkunft & familiäres Umfeld vor Ort
Heinrich Jakob Möll – im Familienkreis stets „Heiner“ genannt – wurde am 7. Mai 1913 in Monsheim geboren. Er war verheiratet mit Margot Möll. Aus den überlieferten Melde- und Personenunterlagen geht eine enge Verbindung zwischen Flörsheim am Main und den rheinhessischen Wurzeln in Monsheim hervor. Ein erhaltener, persönlicher Feldpostbrief an seinen Bruder gibt eindringlich Zeugnis über die familiäre Verbundenheit, die steten Sorgen um Urlaub und das Bemühen, das Alltagsleben trotz des Kriegsdienstes aufrechtzuerhalten.
2. Die Kriegsjahre & das dokumentierte Schicksal
Nach Einsätzen in Frankreich im Sommer 1940 gehörte Möll ab November 1940 der 7. Kompanie des neu aufgestellten Infanterie-Regiments 699 der 342. Infanterie-Division an. Nach Besatzungsdiensten im Westen und Sicherungseinsätzen auf dem Balkan (Jugoslawien) verlegte seine Division im Frühjahr 1942 an die Ostfront in den Brennpunkt der Heeresgruppe Mitte bei Rshew. Während der schweren Abwehrschlachten im Raum Rshew/Sytschewka fiel der Obergefreite Heinrich Jakob Möll am 10. August 1942 bei Krivzy.
„Es ist auch die allerhöchste Zeit, dass man nach 7 Monaten endlich mal wieder zu seiner Frau bzw. zu unseren Angehörigen kommt. Margot wird bald verrückt, man weiß auch bald nicht mehr, was man schreiben soll. […] Was würde ich mich freuen, wenn ich zu Hause so unverhofft die Türe öffnen könnte. Aber die Zeit kommt auch bald, wo wir alle wieder in unserer Heimat sind. […] Hoffen wir alle das Beste.“
— Auszug aus dem Feldpostbrief an seinen Bruder, Frankreich, 30. Juli 1940
3. Gedenken & Nachwirkung
Heinrich Jakob Möll konnte nach den Kampfhandlungen im Raum Rshew im Rahmen von Umbettungsarbeiten bisher nicht geborgen werden; eine registrierte Grablage existiert nicht. Sein Name und seine Lebensdaten sind im Gedenkbuch des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge sowie in den Verzeichnissen der Flörsheimer Kriegschronik zur dauerhaften Erinnerung bewahrt.
- Bundesarchiv-Militärarchiv (BArch, Freiburg) – Gräberkarteikarte BArch B 563-2 KARTEI/G-A 598/0406
- Familiennachlass Klaus Möll (Monsheim, übergeben am 01.05.2012 zur historischen Erforschung)
- Ancestry (Digitalisierte Wehrmachtsverlustlisten & Personenstandsregister Rheinhessen)
- Original-Feldpostbrief aus Frankreich vom 30.07.1940 (Feldpostnummer 30678 D)
- Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge e.V. (VDK-Gräbernachweis online)
- Deutsche Heereslagekarten Ost (Bereich Heeresgruppe Mitte / Rshew, August 1942)
Verfolgter & Opfer der Shoah • Flörsheim am Main
Dr. Max Schohl
* 15. November 1884 in Pirmasens — † 1. Dezember 1943 im KZ Auschwitz
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Dr. Max Schohl
* 15. November 1884 in Pirmasens — † 1. Dezember 1943 im KZ Auschwitz
Biografie & Dokumente einsehen ▼| Beruf & Wirken: | Promovierter Naturwissenschaftler / Analysechemiker, Inhaber der Chemischen Fabrik Nassovia / Electro, Vorsteher der jüdischen Gemeinde Flörsheim |
| Militärischer Rang: | Hauptmann der Reserve a.D. (17. Kgl. Bayer. Infanterie-Regiment, Rekruteneintritt 1907, Leutnant der Reserve 1911) |
| Kriegsauszeichnungen: | Eisernes Kreuz I. und II. Klasse, Bayerischer Militärverdienstorden mit Schwertern (B.M.V.O.), Verwundetenabzeichen (zweimal schwer verwundet) |
| Wohnsitz Flörsheim: | Albanusstraße 2 (dreigeschossiges Wohnhaus gegenüber dem Werksgelände im Neuwingertsweg) |
| Familie: | Verheiratet mit Frieda Luise („Liesel“) Gims; zwei Töchter: Hela (* 1920) und Käthe (* 1923); zwei Brüder (Oskar und Arthur) fielen im Ersten Weltkrieg |
| Verfolgung & Haft: | Wirtschaftsboykott, Zwangskonkurs 1935; Schutzhaft im KZ Buchenwald nach Pogromnacht 1938; wöchentliche Gestapo-Meldepflicht; Gestapo-Haft in Jugoslawien |
| Deportation & Tod: | August 1943 ins KZ Auschwitz deportiert; dort am 01.12.1943 ermordet (offizieller Totenschein verschleiernd auf „Herzmuskelschwäche“ ausgestellt) |
| Gedenkort: | Stolperstein vor dem Wohnhaus Albanusstraße 2 in Flörsheim am Main; Benennung der Dr.-Max-Schohl-Straße |
1. Unternehmer, Frontoffizier & Wohltäter der Stadt
Dr. Max Schohl wurde am 15. November 1884 in Pirmasens als Sohn des Ledergroßhändlers Julius Schohl geboren. 1907 promovierte er in Naturwissenschaften und trat im selben Jahr als Einjährig-Freiwilliger in die bayerische Armee ein. 1911 ernannte ihn König Otto von Bayern zum Leutnant der Reserve. Bei Kriegsausbruch 1914 meldete er sich sofort freiwillig und zog mit dem 17. Bayerischen Infanterie-Regiment an die Front. Er stieg bis zum Hauptmann auf, führte seine Kompanie durch das Trommelfeuer der Somme-Schlacht und wurde bei den Kämpfen in Flandern sowie an der Spitze seiner stürmenden Einheit zweimal schwer verwundet. Für seine Tapferkeit erhielt er das Eiserne Kreuz I. und II. Klasse, den Bayerischen Militärverdienstorden mit Schwertern und das Verwundetenabzeichen. Seine beiden einzigen Brüder, Oskar und Arthur, kehrten aus dem Ersten Weltkrieg nicht zurück.
1919 übernahm Dr. Schohl die Chemische Fabrik in Flörsheim am Main (später Firma Electro), heiratete Frieda Luise („Liesel“) Gims und bezog das Anwesen Albanusstraße 2. Mit über 150 Beschäftigten zählte sein Betrieb zu den wichtigsten Arbeitgebern der Stadt. In den schweren Krisenjahren zahlte er Löhne in stabiler Devisenwährung aus, um seine Arbeiter vor der Inflation zu schützen. Als Vorsteher der jüdischen Gemeinde engagierte er sich herausragend sozial: Er eröffnete 1929 eine Volksküche für Bedürftige in der Kirchschule, finanzierte Schulspeisungen und verteilte Brennstoff, Kleidung und Lebensmittel an arme Flörsheimer Familien.
2. Entrechtung, Pogrom und der Protest an den Kyffhäuserbund
Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten setzte die gezielte Vernichtung seiner Existenz ein. Unter dem Flörsheimer NSDAP-Bürgermeister Dr. Ludwig Stamm – dem 1919 entlassenen Vorgänger Schohls – wurden die Wohlfahrtseinrichtungen geschlossen und die Fabrik als „nicht-arisch“ boykottiert. Im Juni 1935 folgte der Konkurs, 1937 wurden die Werksanlagen gesprengt. Am 6. November 1933 richtete Dr. Max Schohl aus der Albanusstraße 2 einen flammenden, zweiseitigen Protestbrief an den Bundesführer des Kyffhäuserbundes, General der Artillerie a.D. v. Horn in Berlin. Nachdem er als „Nichtarier“ aus dem Krieger- und Militärverein Flörsheim/Main ausgeschlossen worden war, lehnte er es mit Verweis auf seine Ehre als alter deutscher Frontoffizier ab, jemals als geduldetes Mitglied zweiter Klasse geführt zu werden, und beklagte mit bitteren Worten den Zusammenbruch der an der Front mit Blut besiegelten Kameradschaft.
In der Pogromnacht am 10. November 1938 stürmte ein Schlägertrupp das Wohnhaus der Familie und verwüstete die Einrichtung. Dr. Schohl wurde verhaftet und für vier Wochen in das KZ Buchenwald verschleppt. Nach seiner Entlassung stand er unter wöchentlicher Gestapo-Meldepflicht. Alle Versuche, Visa für die USA, Großbritannien oder Chile zu erhalten, scheiterten an restriktiven bürokratischen Quoten. Am 31. März 1940 meldete sich die Familie polizeilich nach Brasilien ab und floh nach Jugoslawien. Seine pflegebedürftige Mutter Johanna musste in Frankfurt zurückbleiben; sie wurde 1942 nach Theresienstadt deportiert und kam dort um.
„Als in der mörderischen Somme-Schlacht tagelang das Trommelfeuer auf meine Kompanie herunterfegte, da hat wohl keiner der mir unterstellten Mannschaften, Unteroffiziere und Offiziere danach gefragt, ob ich Arier oder Nichtarier bin: alle sahen in kameradschaftlichem Vertrauen auf den Kompanieführer. Und dieses alles sollte heute nicht gewesen sein? Heute soll diese Kameradschaft, bewährt in Blut und Leid, in Not und Gefahr, in Nichts vergangen sein? […] Ich wende mich heute vielmehr an Ew. Exzellenz als alter deutscher Offizier und Kamerad, weil meine Auffassung von dem Begriff der deutschen Kameradschaft ins Wanken geraten ist.“
— Hauptmann d.R. a.D. Dr. Max Schohl, Flörsheim/Main, Albanusstraße 2, an den Führer des Kyffhäuserbundes, 6. November 1933
3. Verhaftung in Jugoslawien, Ermordung in Auschwitz & Nachwirkung
Mit dem deutschen Einmarsch in Jugoslawien 1941 war auch der Fluchtweg auf dem Balkan abgeschnitten. Zunächst stand die Familie unter dem persönlichen Schutz eines Wehrmachtsoffiziers, doch nach mehrfachen Festnahmen verhaftete die Gestapo Dr. Max Schohl im August 1943 endgültig. Er wurde in das Vernichtungslager Auschwitz deportiert und dort am 1. Dezember 1943 ermordet. Der Totenschein gab wahrheitswidrig „Herzmuskelschwäche“ als Ursache an. Ehefrau Liesel sowie die Töchter Hela und Käthe wurden im August 1944 von der Gestapo nach Deutschland zurückverschleppt und überlebten unter Zwangsarbeit in Wiesbaden. Liesel Schohl verstarb 1975, Tochter Hela im Jahr 2000; beide ruhen auf dem jüdischen Friedhof in Flörsheim. Tochter Käthe wanderte in die USA aus und verstarb 2014 in West Virginia. Vor dem ehemaligen Wohnhaus in der Albanusstraße 2 erinnert ein Stolperstein an Dr. Max Schohl; auf dem früheren Werksgelände trägt die Dr.-Max-Schohl-Straße dauerhaft seinen Namen.
- David Clay Large (Übersetzung: Karl Heinz Siber): Einwanderung abgelehnt: Wie eine deutsche Familie versuchte, den Nazis zu entkommen (Umfassende biografische Hauptquelle zur Familie Dr. Schohl)
- Hessisches Hauptstaatsarchiv Wiesbaden (HHStAW) – Justizakten zum Flörsheimer Gerichtsprozess über die Pogromnacht („Judenaktion“) vom November 1938
- Stadtarchiv Flörsheim am Main (Dokumentensammlung und Schriftwechsel, u. a. dokumentiert durch Peter Becker)
- Gedenkstätte Yad Vashem (The World Holocaust Remembrance Center, Jerusalem – Central Database of Shoah Victims‘ Names)
- Bundesarchiv (Gedenkbuch – Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft in Deutschland 1933–1945)
- Ancestry (Digitalisierte Melde- und Personenstandsregister)
- Standesamt Flörsheim am Main (Familien- und Personenstandsregister)
- Initiative Stolpersteine Flörsheim am Main (Recherchen & Verlegung Albanusstraße 2)
Urheberrecht, Quellennachweis & Nutzungshinweise
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- Schutz privater Nachlässe: Historische Fotografien und Dokumente aus Privatbesitz (u. a. Sammlung Paul Flesch / Besitz Michael Petry, Familiennachlass Klaus Möll) wurden der Flörsheimer Kriegschronik für dieses Gedenkprojekt zur Verfügung gestellt. Jede Vervielfältigung oder Verbreitung bedarf der ausdrücklichen Genehmigung der jeweiligen Eigentümer.
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Zur ehrenden Erinnerung und Mahnung an die Opfer der Kriege und Gewaltherrschaft aus Flörsheim am Main, Wicker und Weilbach.